Im Kanu durch Finnisch-Karelien

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So viele Seen. So viel Platz. Und diese Ruhe… Es gibt eine Menge Gründe, nach Finnland zu reisen, ins Land der Individualisten, Entdecker und Abenteurer. Hier ist die Geschichte von einem, der mit Kanu, Kind und Kegel nach Karelien aufbrach, um dort dem wahren Luxus zu begegnen.

 

Wo der Postmann niemals klingelt

Finnland ohne Sauna – undenkbar! Das wäre ja wie Bayern ohne Bier oder Hamburg ohne Hafen. Überhaupt, was wissen wir nicht alles über das Land im Norden und, vor allem, über seine Bewohner: Schweigsam und unterkühlt sind sie, Eigenbrötler und Hightech-Freaks, Trunkenbolde und Naturliebhaber. Und vergesse keiner die Mückenschwärme! Abermilliarden erbarmungslose Blutsauger, die das Naturparadies zur Hölle machen. Klischees sind wunderbar, nicht wahr? Sie geben uns halt und Orientierung. Aber ob sie der Wahrheit entsprechen, erfahren wir immer erst im Land selbst – eben auch in Finnland. Zuerst fällt uns auf, dass niemand drängelt. Die Scharen von Menschen, die sich vor der Kulisse des Doms in Helsinkis zwischen den Essbuden am Hafen entlangschieben haben die Ruhe weg.26 75 Foto- Klaus Herzmann- Finnland

Hier gibt’s es Fisch – in allen Variationen. Nach der bald 30stündigen Überfahrt von Travemünde gönnen wir uns nicht nur einen Imbiss, sondern gleich mehrere Tage Erholung; die Dreisamkeit wird früh genug kommen. Ich möchte sofort im Meer bade. Tochter Laura macht auf dem Rücksitz eine klare Aussage. Okay, die vorerst letzte Möglichkeit in die Ostsee zu hüpfen. Der Campingplatz in Hamina bietet sich dazu an. Endlich wieder in der Natur. 29 Foto- Klaus Herzmann- FinnlandWir befinden uns hier im äußersten Osten Finnlands, und wir werden immer entlang der Russischen Grenze nach Norden fahren – hin zu den magischen Landschaften Kareliens. Um dort auf weiten Seen zwischen unberührten Wälder im Kanu zu paddeln. In diesem Land entstanden nicht nur die uralten Gesänge der „Kalevala“, dieser in Verse gefassten Frühgeschichte der Finnen, sondern auch einmalige Bauwerke wie die größte Holzkirche der Welt in Kerimäki oder das wuchtige Bomba-Haus in Nurmes. Wir halten aber auch in einer kleinen Bäckerei um die hiesige Spezialität zu kosten: Piroggen. Sie ähneln Kinder-Mokkassin, haben eine „Sohle“ aus Roggenteig mit einer Füllung aus Milchreis oder Kartoffelbrei und sind lecker.66 Foto- Klaus Herzmann- Finnland 16 Foto- Klaus Herzmann- Finnland 13 Foto- Klaus Herzmann- Finnland

 

Gestärkt, guter Dinge und zunehmend entspannt, der Verkehr auf der Landstrasse wird immer dünner, rollen wir ins Herz Kareliens nach Ilomantsi. Dort verbirgt sich der Polizeibeamte fast vollständig hinter einem Stapel Akten. Lugt neugierig hervor, fragt was wir den möchten – auf Finnisch. Finnisch geht ja nun gar nicht. Nicht im Ansatz erahnt man die Bedeutung der Worte, von der korrekten Aussprache der Silben mit ihren vielen „Äs“ oder „Ys“ gar nicht zu reden. Der Polizist kennt seine Touristen, ein schelmisches Grinsen huscht über sein Gesicht. Die Verständigung auf Englisch ist da doch einfacher. „Wir hätten gerne die Bewilligung für in das Sperrgebiet zum östlichsten kontinentalen Punkt der EU zu reisen.“, sagen wir. Bewilligung erteilt, schnell, unbürokratisch, freundlich, finnisch eben. Und der Polizist bewilligt, schnell, unbürokratisch, freundlich – finnisch eben. Ein einem fetter Baumstamm geht’s nicht mehr weiter, die russische Grenze ein Steinwurf entfernt. Spannend.

Sanfte Mobilität

Hannus Campingplatz liegt malerisch am Fluss Koitajoki. Rasch, zuweilen von Minute zu Minute, wechselt das Licht, ändern sich die Farben des Himmels, die Formen der Wolken. Wir entdecken Farbtöne, wie wir sie zuvor in der Natur noch nie gesehen haben. Ein wahrhaft würdiger Ort, um auf sanfte Mobilität umzuschalten. Morgen starten wir unsere Kanutour. Im Schutze hoch aufragender Fichten errichten wir unser Zelt. Tochter Laura nimmt derweil Hannu den Campingplatzbesiter in Beschlag. Interessiert sich für seine Elchhunde, möchte sie streicheln, an der Leine ausführen und wissen, wissen, wissen. Der lässt die Fragen geduldig über sich ergehen. Mehr als eine Woche ist vergangen, seit wir dem hektischen Deutschland entflohen sind.78 Foto- Klaus Herzmann- Finnland55 Foto- Klaus Herzmann- Finnland01 Foto- Klaus Herzmann- Finnland Die Zeit scheint stillzustehen. Oder sie wirkt zumindest verlangsamt. Wir freuen uns über Hannus Tipp und Anregungen. Stolz gibt er zu verstehen, dass es sich bei unserer bevorstehenden Tour noch um einen absoluten Geheimtipp handelt. Haben wir auch an alles gedacht? Genügend Proviant, Benzin für den Kocher, Gewässerkarte, Schwimmwesten und die zwei Flaschen Rotwein, die Manuela vor jeder Kanutour einfordert? Die Checkliste trägt lauter Häkchen. Die Nacht ist geruhsam, nur die sich im Wind wiegenden Bäume wachen über uns.10 Foto- Klaus Herzmann- Finnland
Der Kotaijoki Fluss führt sein ruhiges Wasser in den Nuorajärvi-See. Der ideale Platz, um unseren Ally Faltkanadier einzusetzen. Zuvor haben wir mit Hannu den Rücktransport Kivilahti vereinbart. Wir entleeren den Kofferraum, parken das Auto und lassen den Zweitschlüssel am Ort. Wie von allein schiebt sich das Alugestänge ineinander. Jeder Handgriff schon tausendfach getan. Auch Laura weiß genau, was zu tun ist. Ein perfektes Team. Die Sitze werden montiert, die wasserdichten Kanusäcke verstaut, der Wurfsack in Reichweite platziert, los geht’s ins Abenteuer Karelien.

Der Fluss gräbt sich in großen Bögen seinen Weg durch die verträumten Gras- und Waldlandschaften. Noch sind die Ufer dicht gesäumt von den so typischen Holzhäusern der Region. Der Wind kräuselt das rötlich, stark eisenerzhaltige Wasser. Nur das Eintauchen des Paddelblattes durchbricht die Stille. Ein älterer Herr treibt in seinem Ruderboot, zeigt uns seinen Fang, winkt uns zu und wirft die Angel erneut aus.

46 Foto- Klaus Herzmann- Finnland58 Foto- Klaus Herzmann- Finnland22 Foto- Klaus Herzmann- Finnland59 Foto- Klaus Herzmann- Finnland56 Foto- Klaus Herzmann- FinnlandNach einer Stunde schiebt sich die Weite des Nuorajärvi-Sees ins Blickfeld. Der Wind frischt auf, die Wellen schlagen zornig gegen das Kanu, fast so als wollten sie drohen. Geschwindigkeit bringt Stabilität. Wir peilen die Südspitze der großen Insel an. Schnell nähert sich ein Motorschlauchboot. Zwei Ranger haben uns entdeckt, erkundigen sich nach unserem Befinden. „All right“, rufen wir ihnen zu und paddeln unserem ersten Übernachtungsplatz entgegen.

Blaubeerpfannekuchen für Robinson

77 Foto- Klaus Herzmann- FinnlandDer nächste Tag: Unser Lager am kleinen Sandstrand, umarmt von wilder Vegetation liegt schon viele Paddelschläge hinter uns. Das Kartenmaterial ist ausgezeichnet, die Orientierung fällt leicht, auch ohne GPS. Ab und zu erblicken wir Hütten mit kleinem Holzsteg am Ufer. Bunte Bojen markieren ausgelegte Fangkörbe. Bei uns hat sich bis jetzt kein Fisch an den Haken verirrt. Wohl die falschen Köder dabei.
Schlag um Schlag treiben wir unsern roten Kanadier voran. Der starke Gegenwind macht uns heute zu schaffen.
Das Boot ist nur schwer auf Kurs zu halten. Hauptsache es fängt nicht an zu regnen, aber das haben die Wetterfrösche auch nicht vorhergesagt. Nach der ausgedehnten Mittagspause ist der See ruhiger, fast wie ein Spiegel liegt er da. Paddeln macht Spaß, das hat auch Laura längst erkannt. Jeden Abend müssen wir zwei noch mal alleine raus. Dann versucht sie Wendemanöver, sitzt stolz in ihrem Sitz und sagt, wo es lang gehen soll. Auf einer winzigen Insel steigt Sie aus. So hat sich also Robinson gefühlt…
Immer verkrümelt sie sich nach der Landung mit ihrem Becher im Wald. Beeren suchen. Wir richten inzwischen das Lager ein, entzünden ein kleines Grubenfeuer. Zum Hauptgericht gibt es meist Travellunch. Super Erfindung, nur den Beutel aufschneiden, mit heißem Wasser aufgießen, 15 Minuten ziehen lassen und fertig. Abwechslung bieten verschiedene Sorten. Besonders lecker ist der Kartoffeltopf – Püree mit Gemüse und Rindfleisch. Mit Lauras gesammelten Blaubeeren, Mehl, Milch und Volleipulver (ebenfalls von Travellunch) zaubern wir uns zum Nachtisch direkt auf dem Feuer gebratene, leckere Pfannekuchen. Pappsatt und zufrieden liegen wir vor unserem Zelt und philosophieren über die besondere Faszination Finnlands. Wahrscheinlich ist es dieses besondere Licht. Sicher sind es die hellen Nächte. In den kurzen aber intensiven Sommern scheint die Natur zu explodieren: Das ist keine Einbildung, sondern die immerwährende Natur. Sogar die Moskitoattacken halten sich in Grenzen.

Luxus bis zum letzten Paddelschlag

Die Tage verfliegen im Nu. Keiner ist wie der andere. In besonderer Erinnerung bleibt jener Paddeltag, an dem wir eine Badenixe im See aufscheuchen. Wir wollen gerade anlegen, da wuselt sie aus dem Wasser, rennt im Evakostüm am Ufer entlang, als seien ganze Mückenschwärme hinter ihr her um kurz darauf im Gebüsch zu verschwinden. Zugegeben, wir sind an diesem Tag spät dran. Haben die versteckte Hütte wirklich nicht erblickt. Zudem rechnet zu fortgeschrittener Zeit niemand mehr mit Badenixen. Schon erscheint ein Mann zwischen den Bäumen, winkt uns zu, wir sollen anlegen. Wir werden herzlich eingeladen etwas zu trinken und schlagen danach unser Zelt neben deren Hütte auf. Weitere schöne Tage folgen. Dann ist es so weit:
Der letzte Paddelschlag an einem frühen Nachmittag, und die Kanuspitze schiebt sich bei Kivilahti in den warmen Sand. 73 Foto- Klaus Herzmann- Finnland72 Foto- Klaus Herzmann- FinnlandWir sind am Ziel. Manuela und Laura checken beim Campingplatz ein, ich hieve die Trockensäcke aus dem Kanadier. Zwei Nächte bleiben wir noch hier. Abends geht es gemeinsam in die Sauna und anschließend in den See. Wir rufen Hannu an und besprechen unsere Rückfahrt abzusprechen. Zuverlässig steht er zum vereinbarten Termin bereit. Wie im Zeitraffer fliegt vor den Autofenstern die Landschaft Kareliens vorbei, mit den unzähligen Briefkästen am Wegrand – dort wo der Postmann niemals klingelt. Der Lohn unserer Reise, die heimischen Luxusgüter im Überfluss genossen zu haben: die Weite, Ruhe, alle Zeit der Welt. Überreich beschenkt treten wir die Heimreise an.

Infopaket – Paddeln in Finnisch Karelien

Während Heerscharen von Wasserwanderern in Schweden paddeln, wird Finnland oft rechts liegen gelassen. was schade ist, denn Finnland steht den Naturschönheiten Schwedens in nichts nach, ist aber weit weniger überlaufen. Wenn nach diesem Reiseartikel nun hunderte von Paddler Schweden links liegen lassen, könnte das natürlich anders aussehen. Alsoooo besser pst, von mir habet Ihr das Suomi-Loblied nicht ☺

Anreise

Flugzeug:
Nach Helsinki unter anderem mit Finnair und Lufthansa (z.B. von Frankfurt/ Main, München und Hamburg), sowie mit Air Berlin (z. B. von Berlin, Düsseldorf, Stuttgart),
Am Flughafen Helsinki-Vantaa sind alle bekannten internationalen sowie lokalen Autovermieter ansässig.

Mit dem eigenen Fahrzeug:
Von Travemünde mit den Fähren der Finnlines (Überfahrt STAR-Klasse ca. 27 Std.) oder von Rostock mit der Tallink Silja (Überfahrt Superfast ca. 27 Std.). Die Anreise ist auch über Schweden möglich.

Weiterreise mit dem PKW von Helsinki entlang der Küste ostwärts bis nach Hamina, dann gen Norden: Lappeenranta, Imatra, Richtung Ilomantsi (Kanutour, Finnisch Karelien), ca. 600 Kilometer Fahrstrecke einfach.

Reiseführer & Karten (für weitere Infos Foto anklicken)(Werbung)

…UND

Ilomantsi Touristmap Nr. 5, 1: 100.000, 16 € erhältlich www.kareliaexpert.fi
Gewässerkarte Aarniseikkailujen Koitajoki 1:30.000, 13,50 €; erhältlich bei Ilomantsin.matkailu@co.inet.fi oder Camping Möhkön Karhumajat.

Tourenvorschlag

Start bei Hannu Haaranen, Camping Möhkön Karhumajat, in Möhkö; Kanumiete möglich. Einsetzten des Kanus direkt beim Campingplatz am Koitajoki Fluss (ganz leichte Fließgeschwindigkeit). Stromabwärts in den Nuorajärvi-See und weiter in den Koitere-See bis zum Camping Koitereen Helmi in Kivilahti.

Gesamtstrecke ca. 150 Kilometer einfache Strecke, ca. 7-8 Tage. Hannu Haaranen bringt Kanuten auf Wunsch per Autoshuttle vom Ziel in Kivilahti an den Ausgangspunkt nach Möhkö zurück.

Rundtouren können auch individuell zusammengestellt werden.
Es empfiehlt sich den gesamten Proviant mitzuführen.
Campmöglichkeiten sind im Kartenmaterial verzeichnet oder man sucht sich einen eigenen Platz mit Rücksicht auf die Natur.

Online Infos

www.visithelsinki.fi
www.kareliaexpert.fi
www.ilomantsi.com
www.visitfinland.com

Übernachtungsempfehlung

Helsinki Eurohostel, www.eurohostel.fi

Camping Möhkön Karhumajat, Jokivaarantie 4, 82980 Möhkö, Tel: 00358(0)13-844180 Mail: karhumajat@pp1.inet.fi (deutschsprachig)
Komfortabel eingerichtete Cabins und Ferienhäuser, Stellplätze für Wohmobile, Zeltplatz. Helmi Camping, Kivilahti, Kivisalmentie 20, 81430 Kivilahti, Tel: 00358 (0)40 535 5858, Cabins, Stellplätze für Wohnmobile, Zeltplatz.

Jedermannsrecht

Beeren und Pilze sammeln, Baden, ein Lagerfeuer anzünden oder für eine Nacht ein Zelt aufbauen: In Finnland darf das Jeder, der sich auf das Jedermannsrecht beruft. Das ungeschriebene Gesetz gilt traditionell in Finnland, Schweden und Norwegen und gestattet, sich in der Natur auf öffentlichem wie privatem Eigentum frei zu bewegen. Allerdings gelten feste Spielregeln: Nicht stören und nicht zerstören. Privatgrundstücke von Wohn- u. Ferienhäuser sind tabu. Im trockenen Sommer soll man wegen Waldbrandgefahr kein Lagerfeuer machen und seinen Müll nicht in der Natur, sondern im nächsten Mülleimer entsorgen.

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