5 Stunden Ukraine – (Grenz)wertig – ein Erfahrungsbericht

Ukraine 2014Wer denkt, bei Grenzübertritten schon alles erlebt zu haben wird meist schnell eines besseren belehrt. Davon zeugte in exemplarischer Weise der Versuch, bei EU Anwärter Ukraine die Staatsgrenze zu überwinden…

 

 

Die Vorgeschichte:
An einem Montagmorgen im Januar 2014 bekam ich vom Chefredakteur eines deutschen Radreise-Magazins den Auftrag für eine Doppelreportage die verbleibenden beiden Donauabschnitte von Budapest nach Belgrad und von Belgrad in das Donaudelta zu dokumentieren. Dafür wurden gesamt 5 Wochen veranschlagt. An die 2000 Kilometer auf dem Rad standen im Programm, bis sich der zweitgrößte europäische Strom schlussendlich in das Schwarze Meer ergießt. Reisepartner und Fotomodelle: Meine Frau Manuela, ebenso Tochter Laura Antonia (13). Schnell stellte sich die Frage, wie kommen wir mit den Rädern nach Budapest und wie bitte schön mit dem ganzen Gepäck vom Zielort zurück nach Deutschland? Wie der Zufall es wollte, erfuhren wir im Freundeskreis, dass Michael und Petra ebenfalls diese Region im Sommer bereisen sollten. Wir verständigten uns darauf, mit unserem ganzen Equipment im Auto nach Budapest zu fahren und dort unser Fahrzeug Michael und Petra zu übergeben. Die beiden planten verschiedene Trekking-Touren und reisten mit dem Billigflieger an. Rückgabe des Fahrzeugs war in Tulcea am Schwarzen Meer, an vorher vereinbartem Ort. Kontakt hielten wir die ganze Zeit über Internet, dank schnellem und kostenfreien Wifi in Ungarn, Serbien, Bulgarien und Rumänien.

Grenzerfahrung wider willen

Wieder motorisiert, die Räder und Taschen im Auto verstaut, Verabschiedung von unseren Freunden machten wir uns eiligst auf den nur kurzen Weg vom rumänischen Galati in Richtung Grenze Moldau. Wir passierten zuerst die Rumänische Grenze und steuerten auf die Moldawische zu. Viel Zeit hatten wir nicht im Gepäck. So wollten wir gerade mal eine Nacht im nur 15 Kilometer entfernten Reni (Ukraine) bleiben – einfach nur so. Tags darauf sollte es wieder zurück gehen. Am ersten Grenzposten, das Gebäude wie geleckt, werden wir freundlichst von einem Moldawischen Grenzer in bestem Englisch begrüßt.Vingette Moldau 2014 Schnell bekommen wir den Stempel, erwerben die nötige Autobahnvingette für 4 Euro und steuern erst einmal für 95 Eurocent pro Liter die nächste Tankstelle an. An der Modawischen/Ukrainischen Zwischengrenze (hier wird scheins nur der Rückreiseverkehr gecheckt) werden wir nur durchgewunken zum nächsten Haltepunkt -Distamz vielleicht 300 bis 400 Meter. Direkt vor uns ein deutsches Auto der Luxusklasse mit ukrainischer Registrierung. Wir kommen als0 an die Grenze No.2 und denken blauäugig, dass das wohl ebenso unbürokratisch von statten gehen wird wie  Minuten zuvor – falsch gedacht. Das Auto vor uns wird bereits kontrolliert, uns widmet indes ein anderer Grenzbeamter Aufmerksamkeit – verlangt die Autopapiere, den Pass und die grüne Karte. Wir müssen die Motorhaube öffnen, den Kofferraum. Man kramt überall im Auto herum. Gleich 5 Männer  beobachten das Ganze – zwei davon mit Schnellfeuerwaffen. „Ist das Ihr Auto?“, fragt mich der Zöllner. Ich bejahe. „Wo ist die Fahrgestellnummer?“, werde ich gefragt. „Keine Ahnung, ich denke unter der Motorhaube“, antworte ich. Mit einem kleinen Wischmop legt er die Nummer hinter dem Vorderrad frei (wieder was gelernt, denke ich) und vergleicht langsam den Fahrzeugschein mit der Fahrgestellnummer. Dann hängt er wieder im Auto, zerflüggt Lauras Spielsachen, die Toilettentasche…Der Herr in besagtem Wagen vor mir gibt mir ein Zeichen, ich solle doch mal rüber kommen. Der Dialog ist kurz: „Wenn Du magst, dass es schneller gehen soll, lege einen Geldschein in den Pass“. Ich antworte: „Niemals – bestimmt nicht in Europa“. Aber sind wir wirklich noch in Europa, uns kommt das langsam nicht mehr so vor. Nach einer Stunde dürfen wir weiterfahren – geschafft denken wir – Fehlanzeige. Wir sind gerade gefühlte 30 Meter vorangekommen – werden erneut gestoppt. „Aussteigen, Papiere , sprechen Sie Russisch“, fragt man uns barsch. Freundlich gebe ich „Mein Freund“ und „Prost“ auf Russisch zum besten – keine Reaktion. Der Gegenüber: 1,70 Groß, verbissener Blick, schwarze Schirmmütze, schwarzer enger Overal, durchtrainiert. Der Typ: Hey Ober nichts los hier, keine Schlägerei? Kein Klavier in den zweiten Stock zu schleppen? Mit Gesten frage ich ihn, was das soll, er hätte doch eben gesehen, dass alles in Ordnung sei. „Ja, das waren aber die Moldawier, wir sind die Ukrainer“, meint er. „Ja, was jetzt, wir haben doch schon einen Stempel von Moldawien im Pass!!!“, erwidere ich. Von diesem Moment an bezweifle ich, dass das so eine gute Idee war in die Ukraine zu fahren. Man zeigt mir eine Waffe, ein großes Messer und Abwehrgas und gibt mir zu verstehen, ob ich den solche Dinge im Gepäck führen würde. Ich kann mir das Lachen nicht verkneifen und mache ihn freundlich darauf aufmerksam, dass ich Tourist bin, aus Deutschland komme und nicht aus dem Kongo. Jemand, der eine Biketour mit Frau und Kind unternommen hat und einfach gerne für ne Nacht in Reni bleiben würde. „Sofort Kofferraum öffnen“, schnauzt er mich an. Ich öffne die Klappe, zum Vorschein kommen drei Bikes und jede Menge Gerödel: Essen, Ausrüstung u.v.m. „Ok, alles ausräumen und die Reifen von den Rädern abmontieren“, werde ich aufgefordert. Manuela hat schon Tränen in den Augen. Da kommt ein weiterer Ukrainer mit Schnellfeuerwaffe vor der Brust auf uns zu und legt sich mit dem Grenzbeamten an. In der Reaktion lese ich, dass der uns gerne fahren lassen würde, spricht sogar ein wenig Englisch. Der andere winkt zornig ab – scheinbar hat der das Sagen am Posten. So, und von da an reichte es mir. Ich machte die Klappe wieder zu, verriegele das Schloss. Dann gebe ich dem Typ zu verstehen er könne mich sonst wo, denn ich wollte im Leben nicht mehr in die Ukraine und wo ich denn bitte umdrehen könnte. Der glotzte nur ziemlich dümmlich, ruft was auf Russisch und ich möchte bitte mit ins Gebäude kommen. Von vier Grenzern flankiert verlasse ich das Auto und meine Familie und Folge dem Aufruf der Beamten. Im Gebäude saßen drei weitere Gestalten, die Tür schloss sich hinter mir. Umringt von den Personen kam ich mir in diesem Moment sehr unbehütet vor… Ganz ehrlich: Ich dachte, jetzt bekommst Du so richtig was auf die Fresse Klaus…. Wieder werde ich gefragt, ob ich denn kein Russisch sprechen würde. Ich antworte: „Englisch, Deutsch, etwas Französisch und Spanisch“ – man winkt verächtlich ab. Keiner kapiert, dass ich die Nase gestrichen voll habe und keine Lust zur Weiterfahrt verspüre. Man stempelt irgendwelche kleine Zettelchen, rotzt den Pass auf den Schreibtisch und gibt mir zu verstehen, wo ich wenden kann. Erleichtert stieg ich ins Auto und wir rollten die kurze Strecke zurück zur Zwischengrenze. Wir wurden erneut gestoppt von einem Beamten, der uns beäugte und dabei aufgeregt mit dem Handy telefonierte. „Pässe bitte.“ Und da ich den Drang verspürte mich mitzuteilen, sagte ich dem Herrn auf Englisch und gestikulierend, ob die den da oben noch alle Tassen im Schrank hätten und ich kein Bock mehr hätte auf Ukraine und so. Angesäuert lief der mit unseren Dokumenten weg. Manuela macht mich indes darauf aufmerksam, dass das nicht die Moldawier waren, sondern das dies ein Kollege aus der Ukraine gewesen sei – UPS!!!! Wir warteten und warteten, ein Moldawischer Beamte fragte mich was den los sei. „Keine Ahnung, der ist schon 20 Minuten mit unseren Pässen und den Zettelchen weg“, antwortete ich. Noch eine freundliche Moldawische Beamtin kam dazu, alle waren sichtbar sauer über den Kollegen von gegenüber. Der kam dann doch wieder zum Vorschein – ohne unsere Papiere. Und auf die Frage hin, wo diese den wären, hob er die Schulter als wüsste er von nichts. Ich wurde plötzlich laut, so richtig laut. Der Moldawier redete beruhigend auf mich ein, seine Kollegin verschwindet im Grenzposten. 10 Minuten später fährt eine Beamtin der „EUBAM“ schnell heran. Mit deren Arbeit soll die grenzüberschreitende Zusammenarbeit  und die Transparenz entlang der moldawisch-ukrainischen Grenze erhöht werden. Noch während ich der Beamtin alles in Englisch erklärte, kam ein Ukrainischer Beamter von der Oberen Grenze im Laufschritt und einem Stempel in der Hand auf uns zu gesprintet. Keine Minute später durften wir weiterfahren. Wir bedankten uns bei den Moldawiern, denen das Verhalten ihres Ukrainischen Kollegen sichtlich peinlich wahr. Der EUBAM-Beamtin sagte ich noch, dass meiner Meinung nach die Ukraine aber auch gar nichts in der EU verloren hätte – die weiteren Gedanken indes hielt ich in diesem Moment besser für mich…

 

 

 

 

FacebooktwitterredditpinterestlinkedinmailFacebooktwitterredditpinterestlinkedinmail
FacebooktwitterlinkedinrssyoutubeFacebooktwitterlinkedinrssyoutube

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.