Bikeabenteuer – Kolumbien & Ecuador Teil II

Kolumbien&Ecuador10Freundschaft ist weit tragischer als Liebe. Sie dauert länger – der das schrieb war Oscar Wilde…und dass es in gewisser weise auch zutrifft, zeigen die nunmehr 20 Jahre, die meinen Schweizer Freund Beat und mich verbinden. Auch der zweite Abschnitt unserer Reise durch Kolumbien und Ecuador wartet mit vielen zu bestehenden Abenteuern…

 

 

Apropo Zeit, die Hälfte unserer Tour ist schon um. Dabei sind wir von Bogota gestartet, haben uns über so manch steilen Pass gequält und unendlich viele nette Menschen kennengelernt. Via Panamericana strampeln wir jetzt weiter. Irgendwie läuft es heute auch nicht rund. Zum Glück nur noch 20 km bis zum Tagesziel. Am Fuße des letzten Passes steht auf dem Straßenschild aber immer noch 34 km. Ich bin sauer und gebe Beat zu verstehen, dass wir das vor dem Dunkelwerden niemals schaffen. Beat meint, “Klar schaffen wir das“. Zwei Minuten später, nächster Wegweiser 19 km. Ja und jetzt? Der Bauarbeiter am Straßenrand faselt was von 26 km und die Polizei, die an der Ecke ein ½ Poulet verspeist, irritiert uns mit ihrer 23 km Angabe vollends.

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Beat will unbedingt weiter, ich will bleiben. Und da mein Temperament manchmal zu Überhitzung neigt – je gelassener Beat mit solchen Entscheidungen umgeht – bin ich jetzt ganz auf der Palme. Wir diskutieren lauthals und energisch. Aber eine 20jährige Freundschaft hält das aus. Rechts an der Tankstelle fährt plötzlich ein großer Truck heran. Schnell sausen wir hinüber, zehn Minuten später sitzen wir im Führerhaus bei Alfonso und Mariano. Es ist eng aber gemütlich. Im Gespräch erfahren wir, dass er die Nacht bis nach Pasto durchfahren wird. „Da kommen wir gerne mit,“ sagen wir wie aus einem Munde. Die wilde Fahrt durch das Hochgebirge zieht sich über Stunden. Längst ist die Nacht hereingebrochen. Ächzend schiebt sich der Truck entlang von Baustellen den steilen Pass hinauf. Rechts und links geht’s senkrecht abwärts. Plötzlich, ein entgegenkommender PKW verliert die Kontrolle über sein Fahrzeug, rast in der Baustelle, richtet sich seitlich auf, durchbricht die provisorische Leitplanke und ist weg. Wir sind alle geschockt. Polizei und Krankenwagen sind relativ schnell vor Ort. Später erfahren wir aus der Zeitung, dass 3 Menschen dabei ums Leben kamen. Pasto gefällt uns gar nicht, drum satteln wir auf und biken über einen 3750 Meter hohen Pass inklusive Schneegestöber zur Laguna Cocha.
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Ein wunderbarer Bergsee tut sich auf, an dessen Ufer sich eine Fischersiedlung mit Ausflugsbooten anschmiegt. Hier tanken wir in zwei Tagen Energie für die letzte Etappe in die Grenzstadt Ipiales. Die liegt auf 3000 Meter ü.N.N. und gibt sich geschäftig. Wieder der Angabe im Reiseführer gefällt uns der Stadtkern mit dem blau-weiß getünchten Gotteshaus. Die ist allerdings kein Vergleich zur außerhalb liegenden Santuario de las Lajas. Eine berühmte Wallfahrtskirche. Tausende Menschen drängeln sich um den neugotischen Kirchenbau, der abstrakt seinen Platz in der schroffen Felswand findet und das Bildnis der Jungfrau Maria umschließt.

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Auf dem Rückweg stärken wir uns im Restaurant Los Christales. Hier gibt’s Cuy – knusprig gebratene Meerschweinchen, die geschmacklich an Kaninchen erinnern. Jetzt heißt es nach drei Wochen und tausend Kilometern im Sattel Abschied nehmen von Kolumbien – und das macht uns sehr traurig angesichts der fantastischen Zeit…

Marktplatz Otavalo

Der Systemzusammenbruch an der Grenze nach Ecuador verlangt Geduld. Belohnt werden wir mit dem Einreisestempel und einem Lächeln. In Punkto Landschaftsprofil ändert sich allerdings nur wenig. Passhöhen von 3500 Metern sind keine Seltenheit und werden zum ständigen Wadenbeißer. Ein Seitenstreifen am Rand der Panamerikana gibt uns Sicherheit, überhaupt begegnet uns der Verkehr mit Respekt. Nächstgelegenes Ziel ist das schmucke San Gabriel. Es bildet mit Ibarra die Klammer von kleinen bescheidenen Dörfern mit Schwarzafrikanern. Nachfahren ehemaliger Sklaven, die bis zum 18 Jh. als „Ware Mensch“ gehandelt wurden. Auch hier feuert uns die Bevölkerung an und wünscht uns Glück.Kolumbien&Ecuador27Kolumbien&Ecuador26

Zügig donnert ein Töff-Fahrer an uns vorbei, wendet, kommt zurück und entpuppt sich als der Schweizer Hans-Ueli. „Ich bin schon lange in Südamerika unterwegs, mein Haus habe ich verkauft und widme mich ausschließlich dem Reisen.“, erzählt er – beneidenswert! Die Nacht verbringen wir im historisch-kolonialen Ibarra, das sich gleich von vier Vulkanen umstellt sieht. Im „Café Art“ speisen wir hervorragend, trinken Bier und sehen nebenbei den Film die „Blechtrommel“ auf spanisch. Gezahlt wird in der Landeswährung – dem US Dollar. Morgens fegt uns laute Blechmusik aus den Betten. Der Grund ist eine Parade mit Panzerwagen und martialisch aussehende Truppen mit Schnellfeuerwaffen. Grausig, nicht wirklich mein Geschmack, aber ein Foto wert. Plötzlich schießt ein reichlich dekorierter Soldat auf mich zu, „Sofort das Fotografieren einstellen.“, brüllt er mich an. Ich will nur noch weg hier.

Da zeigt sich das über die Landesgrenze hinaus bekannte Otavalo mit seinem Kunsthandwerkermarkt schon weit aus entspannter. Die Stadt ist umgeben von drei mächtigen Vulkanen: Imbabura, Cotacachi und Mojanda – eine Sternstunde der Schöpfung. Die Indigenen „Otavaleños“ sprechen ihr heimisches Quechua und pflegen ihr traditionelles Weber-Handwerk. Im Ort und in den umliegenden Dörfern fertigen sie wunderschöne Stoffe und verkaufen sie im Städtchen als Schals, Teppiche, Ponchos und Decken.Kolumbien&Ecuador29Kolumbien&Ecuador22 Dabei hüllen sie sich in ihre traditionellen schmuckvolle Kleidung. Als Kontrast dazu posieren auch westlich gekleidete selbstbewusste hübsche Mädchen vor meiner Kamera. „Hey Mister, make a photo“, höre ich ständig. Ganze Busladungen mit Touristen zieht es in diesen Tagen in die Andenstadt. Menschentrauben schieben sich über den Markt, jeder auf der Suche nach einem passenden Souvenir für sich – und die Lieben zu Hause…

Familientreffen am Äquator…

Uns bleiben nur noch drei Tage bis zum Heimflug. Otavalo liegt im Halbschlaf als wir es verlassen. Wir erklimmen einen kleinen Pass und erblicken am Fuße der Bergriesen die Lagune San Pablo. Beat fischt die Adresse einer Schule aus der Lenkertasche:Foto Herzmann 123Foto Herzmann556Foto Herzmann 437Foto Herzmann134Kolumbien&Ecuador11Foto Herzmann 345 „Die müssen wir unbedingt besuchen“, sagt er, „Markus, ein Basler, hat hier ein soziales Projekt für sanitäre Einrichtungen“. Der Empfang von Lehrern und Kindern ist überwältigend, der Schulbetrieb kommt augenblicklich zum Erliegen. Neugierig beäugen die Kids unsere Velos, gehen auf Tuchfühlung. Jedes Schulkind möchte, wenn auch viel zu klein, einmal auf die vollbepackten Bikes der „grazy Gringos“ steigen und eine Runde über den Schulhof geschoben werden. Uns fasziniert wie augenblicklich – und mit nur wenig Mühe – wir den Kids ein unvergessliches Lächeln ins Gesicht zaubern. Im Anschluss bekommen wir die Schuleinrichtung mit allem was dazugehört gezeigt. Als der Unterricht fortgesetzt wird, nehmen zwei Kinder Beat lächelnd an die Hand und führen ihn auf einen leeren Platz in ihrer Bank. Nach der Schulstunde und der Abschiedszeremonie lassen wir eine Spende da und machen uns weiter auf den Weg nach Quito. In der Ferne grüßt der schneebedeckte Cayambe, ein Vulkan nahe der 6000 Meter. Wir nähern uns dem „Mittelpunkt der Erde“. So bedeutungslos der Ort zunächst erscheint – wir können uns nicht dem seltenen Gefühl entziehen, direkt auf der Scheidelinie zu stehen, die unsere Erde in eine nördliche und eine südliche Sphäre teilt. Der Verkehr nimmt zu. Die Ausläufer von Quito, der mit 2850 Metern höchstgelegenen Hauptstadt der Erde, rückt näher. Bereits 1526 kamen die Spanier und gründeten auf den Ruinen einer alten Inkasiedlung die Stadt. Dominiert wird die Landschaft vom 5897 Meter hohen Vulkan Cotopaxi. „Das ist aber jetzt nicht wichtig“, meint Beat. „ich will so schnell wie möglich zu meinem Bruder.“ Dementsprechend stürmisch ist die Begrüßung. Lange liegen wir uns in den Armen, jeder quatscht dazwischen, Tränen rollen. Oliver lebt hier seit 12 Jahren mit seiner ecuadorianischen Frau und den beiden Töchtern. Nebenan die Schwiegereltern, die uns gleich zum Mittagstisch bitten. Hier erfahre ich von Anduko, dem Herrn des Hauses, dass eine weitere Tochter von ihm mit einem Deutschen verheiratet ist und ein Geschäft auf den Galapagosinseln betreibt. Während der Schlemmerei schwirren Kolibris durch den Garten, Alpakas grasen genüsslich. Ein Idyll unweit der Metropole. Sonntags ist die zum UNESCO Weltkulturerbe geadelte Altstadt autofrei und in der Hand der Velofahrer. Wir treiben durch Museen, prunkvolle Gotteshäuser und Klosteranlagen, sitzen auf barocken Stufen, beobachten das geschäftige Treiben auf schmuckvollen Plazas. Wieder bei Olli entfachen wir den offenen Kamin, quatschen die ganze Nacht über unsere Erlebnisse, genießen zum vorerst letzten Mal bei so einigen Bieren seine Gastfreundschaft. Jetzt ist das Ende unserer Tour unabwendbar…

Genauso hatten Beat und ich uns das vorgestellt zu unserem 20jährigen Jubiläum und enden vor dem Heimflug mit dem Zitat von Luis Sepúlveda – einem südamerikanischen Schriftsteller: „Das Reisen führt zu einer Begegnung mit anderen, was immer eine Möglichkeit ist, sich selbst zu begegnen.“

Infopaket- Bikeabenteuer Kolumbien & Ecuador

Einreisebestimmungen: Kolumbien: Kein Visum erforderlich
Ecuador: Kein Visum erforderlich

Reiseliterartur/ Karten: (Werbung)

Grösse/Fläche: Kolumbien 1’140.000 km² (28-mal grösser als die Schweiz)
Ecuador 285.000 km²

Einwohner: Kolumbien 48 Millionen
Ecuador 15 Millionen

Grösste Städte: Kolumbien: Bogota 8,2 Millionen, Medellin 3,3, Cali 2,6, Baranquilla 1,8, Cartagena 1,1
Ecuador: Guayaquil 2,0 Millionen, Quito 1,4, Cuenca 0,3

Sprache: Kolumbien Spanisch
Ecuador Spanisch

Religion: Vorwiegend römisch-katholisch

Währung: Kolumbien: Peso Colombiano
Ecuador: US$

Geld: In Kolumbien und Ecuador kann mit den gängigen Bankkarten Geld aus den Automaten bezogen werden.

Empfohlene Impfungen: Gelbfieber, Hepatitis A und Typhus. Für Dschungelgebiete Malariamedikament als Notfallreserve mitnehmen.

Beste Reisezeit: Kolumbien: Dezember bis März und Juli bis August (kleine Trockenzeit)
Ecuador Mai bis Dezember

Elektrizität: Kolumbien/ Ecuador 110 Volt Stromspannung. Für die Steckdosen wird ein Adapter benötigt.

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