Radreise von London nach Edinburgh Teil I

England-Schottland- Herzmann36Wer Großbritannien als Ziel seiner Radreise wählt, wird überrascht sein. Denn das Land bietet eine geradezu charmante Vielfalt aus der Sattelperspektive an: Uralte Tradition vereint mit kulturellen Highlights – das alles untermalt mit Landschaften von gelassener Regelmäßigkeit. Zwei aufregende Hauptstädte bilden dabei die Klammer für unsere unvergessliche Tour durch Europas grüne Insel…

Gewöhnlich assoziieren die meisten Menschen mit Großbritannien: Rote Doppeldeckerbusse, Monarchie, Tower Bridge, Teetrinken, Traditionsbesessenheit, Fish and Chips und natürlich jede Menge Regen – aus allen Himmelsrichtungen versteht sich. Und die Klischees sind auch wirklich alle wahr. Trotzdem, und vielleicht eben deshalb ist England für den Radreisenden ein Paradies. Allein die Einstellung des englischen Autofahrers trägt viel zur ungetrübten Fahrfreude bei.England-Schottland- Herzmann13England-Schottland- Herzmann15

Ihm sind Radfahrer selbst in dichtem Gedränge einer Stadt kein lästiges Übel, sondern gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer. Man fährt respektvoll und langsam, macht einen Bogen. Noch deutlicher erfährt man die Mentalität in ländlichen Regionen, wo es schon mal vorkommen kann, dass Tourenradler von vorbeikommenden Autofahrern zum „Afternoon Tea“ eingeladen werden. Wir haben englische Traditionen und anderes Typisches sprichwörtlich erfahren. Eindrücke, die ein positives Bild von der grünen Insel und ihren Bewohnern zeichnet.

London – ein offenes Geschichtsbuch

Die drittgrößte Stadt Europas ist für Besucher eine süchtig machende pulsierende Metropole voller Glamour. Neben den Prunkbauten der Royals stehen unzählige Konsumtempel und Kulturpaläste. London setzt ständig weltweite Trends und klebt doch fest an Jahrhunderte alter Tradition. Wie, und von wo man sich der City nähert, der erste Eindruck ist überwältigend… Tausende von Touristen drücken alltäglich beim „Changing of the guard“ ihre Nasen an die Gitterstäbe des Buckingham Palace. Der Residenz von Queen Elisabeth II, wo die rotberockte Garde mit den putzigen Bärenfellmützen aufmarschiert.

England-Schottland- Herzmann28England-Schottland- Herzmann25Wir lassen uns von hier einfach treiben, erreichen den Trafalgar Square, wo einsam und in beachtlicher Höhe Lord Nelson auf einer Säule steht. Die Überhöhung des Seestrategen kommt nicht von ungefähr. Sein Sieg bei der Seeschlacht von Trafalgar über die vereinte Flotte Spaniens und Frankreichs verhalf 1805 den heimischen Schiffen zur uneingeschränkten Herrschaft auf den Weltmeeren. Einen Steinwurf entfernt liegt der Piccadilly Circus. Wo bei Tag und Nacht unter Glitzerfassaden sich Menschentrauben von Shop zu Shop schieben. Und geht man nur einen Block weiter, steht man mitten in einer herrlichen Parkanlage, wo Entenfamilien auf dem Teich ihre Kreise ziehen. Natur und Kultur in direktem Einklang – das gefällt uns. Westminster Abbey: Ein Meisterwerk gotischer Baukunst, Begräbnisstätte und Krönungskirche vieler Herrscher. In ihren Hallen begegnen die Besucher unter staunenden Blicken auch nahezu allen legendären Gestalten der Inselgeschichte wie Isaac Newton oder Lord Livingston. Nach einem Besuch im Globe – einer Rekonstruktion von William Shakespeares Theater – setzen wir uns in ein Ausflugsboot und schippern über die Themse dem House of Parlament entgegen.England-Schottland- Herzmann18England-Schottland- Herzmann22Architekt Charles Barry schuf hier eine der wohl bekanntesten Fassaden der Welt. Daneben, der markante Glockenturm mit dem Spitznamen „Big Ben“, dem unbestrittenen Wahrzeichen der Metropole. Den Totalüberblick bietet allerdings das Riesenrad „The London Eye“, das die Menschen in luftige Höhen befördert. Zurück auf der Themse geht’s der Tower Bridge entgegen mit ihren markanten 65 Meter hohen Zwillingstürmen. Dort schlendern wir an Land gemütlich zum Tower of London. Hier hat sich bereits eine 100 Meter lange Schlange vor dem Eingang gebildet. Mit unserem Londonpass dürfen wir jedoch eine andere Pforte nutzen. Ein „Beefeater“ gewährt uns Einlass. Jene ehemaligen Leibgardisten der Majestäten, die bis heute Stolz die Initialen ihrer Herrscherin auf der Brust tragen. Ihren Namen verdanken sie den Vorzugsrationen an Rindfleisch vom königlichen Büffet. Wir betreten die Festung durch den Middle Tower, aus dem 14. Jhd. Es folgen mehrer Wachtürme und das „Verrätertor“ durch das die Gefangenen geführt wurden.England-Schottland- Herzmann24England-Schottland- Herzmann23Das „Jewel House“ ist der Aufbewahrungsort der Kronjuwelen und gilt als best gesicherter Ort der Welt. Und daneben, da liegt der Kerker, wo sich bei genauem hinsehen noch die Gravuren der Insassen erkennen lassen bevor sie mit dem Beil vom Leben zum Tod befördert wurden. Bei so viel Sehenswertem könnte man beinahe vergessen wieso wir eigentlich hier sind – den langsam juckt es in den Beinen für die bevorstehende Radreise nach Edinburgh mit noch und ganz viel mehr typisch Britischem…England-Schottland- Herzmann17England-Schottland- Herzmann16

 

 

 

 

 

Abstecher mit Erlebnisgarantie

Der Gemüsehändler in Loughton, einer Kleinstadt im Norden von London, drapiert noch seine frische Ware auf dem Verkaufstand als wir am frühen Morgen vorbeiradeln. In großen Schleifen durchfahren wir den Ort und nehmen den Abzweig nach Thundridge. Erst geht’s flach dahin, dann wird’s hügelig, so geht’s von einem Ort zum nächsten. Gelegentlich wirft ein Angler seine Leine am Kanal aus. Erblickt man uns, bekommen wir wohlwollende Aufmerksamkeit geschenkt. Gleichgesinnte sind indes nicht viele unterwegs, nur manchmal prescht ein Rennradfahrer an uns vorbei. Schon von weitem erkennen wir die Stadtkirche von St. Ives. In deren Schatten ist heute Markttag. Ein gemächliches Treiben zwischen bunten Verkaufständen stellt sich ein. Daneben schaukeln die Hausboote im Wasser, in dem sich unweit pittoresk auch die historische Steinbrücke mit Kapelle spiegelt. Zwei Nächte haben wir eingeplant, nicht zuletzt wegen unserem Ausflug nach Cambridge, der Hochburg des Geistes.

England-Schottland- Herzmann35England-Schottland- Herzmann31Ein Wirtschaftsweg führt uns durch saftige Wiesenlandschaften schnurgerade zum Zielort. Dazwischen begegnen uns so genannte „Guided Railbusses“, die fest in einer Betonspur gefangen an uns vorbeibrausen. Im 12. Jh. war Oxfort das Zentrum der Gelehrsamkeit bis sich eine Gruppe abspaltete und in Cambridge eine Gegengründung vornahm. Bis ins 19. Jh. waren dies die beiden einzigen Universitäten Englands. Man blieb fortan auf Distanz, war Rivale und sprach von dem anderen nur als “vom anderen Ort“.

England-Schottland- Herzmann34England-Schottland- Herzmann32England-Schottland- Herzmann0England-Schottland- Herzmann1Was wir erleben ist eine schmucke traditionsbewusste Stadt. Steinerne Zeitzeugen wie das King’s College sollten besichtigt werden. Automatisch denkt man beim Schlendern durch die historischen Gassen und altem Gewölbe an Weltenbürger wie Isaac Newton und Charles Darwin. Natürlich aber auch an die legendäre Ruderregatta, die in ihrer 158jährigen Geschichte die alten Rivalen antreten lässt – unter den Augen von rund 250.000 Zuschauern…

Britische Lebensart

Boston ist eine Kleinstadt, so friedlich, dass hier die Taxifahrer am Bahnhof geweckt werden müssen. Man mag es kaum glauben, dass der Ort im 13./14. Jh. Englands zweitgrößten Hafen besaß und mit Wollexport nach Flandern unermessliche Gewinne erzielte. Geblieben sind einige wenige historische Bauten und „The Boston Stump“, eine mächtige Pfarrkirche ohne Spitze. Felder voller Raps begleiten uns auf einen Damm Richtung Chapell Hill.England-Schottland- Herzmann37England-Schottland- Herzmann42Ein kurzer Abstecher zur Tattershall Castle lohnt, das wir über die gleichnamige Brücke erreichen. Wieder auf dem Damm stapfen wir bis Kirkstead Bridge, wo wir uns vom Kanal entfernen. Durch Alleen von dicken Eichen gleiten wir nun Market Rasen entgegen. Vornehmlich bekannt wurde die Gemeinde durch ihren Racecourse also die Pferderennbahn. Am Nachmittag sind hier, wie anderorts auch, die Straßen wie leergefegt. Langsam füllen sich dann die Lokalitäten, wo man zum Afternoon Tea an einem Ingwerkeks knabbert und sich die neuesten Geschehnisse zu berichten weiss.England-Schottland- Herzmann2England-Schottland- Herzmann41

 

 

 

 

 

Wir allerdings drehen lieber noch eine gemütliche Runde durch den Ort. Selbst wer auf Reisen der endlosen Schlösser und Herrenhäusern müde geworden ist, Gärten und Parks vermögen in England selbst den Kenner mit einem neuen Detail zu entzücken. Oft bleiben wir einfach stehen und sind sprachlos, angesichts der Pracht. Am Morgen finden diese britischen Tugenden beim „Full English Breakfast“ allerdings ein jähes Ende. 8.00 Uhr und es gibt Bohnen in Tomatensauce, Blackpudding – nein keine Süßspeise, sondern gebratene Blutwurst. Bereits Asterix ist daran gescheitert, die traditionelle Essgewohnheit zu verstehen, als er mit seinem Freund Obelix bei den Briten war.

England-Schottland- Herzmann4England-Schottland- Herzmann5Wir danken höflich, schwingen uns in den Sattel und radeln davon. Hügeliges Terrain führt durch Klein- und Kleinstorte. Wir überqueren den Fluss Humber via Brücke, deren Aussehen stark an die Golden Gate Bridge in den USA erinnert. Hessle, Swanland, Newbald liegen auf dem Weg nach Pocklington. Ebenfalls ein gemütlicher Flecken Erde und Ausgangspunkt für einen Abstecher ins benachbarte York. „Wer Yorkshire hält, hält England,“ hieß es im Mittelalter. Die größte Grafschaft des Landes präsentiert sich in harmonischem Dreiklang. Bewaldete Hügel, verwunschene Heidemoore und sanfte Täler, wo weiße Schafe durch sattes Grün treiben. Dort liegt das vornehme York, die Stadt der Kaufleute und der Kathedralen. Nebenbei gilt sie auch als Europas Spukhauptstadt. Immer tauchen irgendwo in der Altstadt Geister auf – sehr zur Freude der Touristen. Um 1800 begannen Familien mit der Herstellung und dem Verkauf von Süßwaren und daran hat sich bis heute auch nicht viel geändert, was die unzähligen Läden nur unterstreichen.

England-Schottland- Herzmann40England-Schottland- Herzmann39England-Schottland- Herzmann38England-Schottland- Herzmann3Wahrzeichen der Stadt ist das York Minster. Eine gotische Kathedrale von riesigen Ausmaßen. Und im Sommer 2014 Brennpunkt einer Etappe bei der Tour de France. Wer durch die Stadt streift, fühlt sich ins Mittelalter zurückversetzt. In Shamples, der ehemaligen Strasse der Metzger, wachsen die Giebel der schmalen Häuser fast zusammen – eine grandiose Kulisse…

Infopaket Radreise von London nach Edinburgh Teil I

Anreise
Flugzeug: Direktflüge ab Düsseldorf, Frankfurt und München mehrmals täglich nach London. Beispiel: Billigflug mit Ryanair von Düsseldorf ab 50 Euro (ohne Fahrrad).
Pkw: Köln nach Dünkirchen/Frankreich ca. 370 km + 2 Std. Fähre nach Dover/England + ca.150 km Autobahn bis London/Cheshunt/Loughton. Via Eurotunnel: Zugverladung nach Folkestone/England ca. 30 Minuten. Preise: Je nach Fahrzeugtyp verschieden. Info: www.dfdsseaways.de; www.eurotunnel.com. Beispiel: Einfacher Pkw/Fähre ca. 80 Euro hin und zurück; Eurotunnel etwa das Doppelte.

Parken: Empfehlen wir Cheshunt/Loughton bei London, eine ruhige Kleinstadt im Norden der Hauptstadt. Wir haben unser Fahrzeug direkt beim Hostel abgestellt. Fahrzeit von Cheshunt in die Londoner City ca. 35 Min.; Fahrräder können nur zu bestimmten Uhrzeiten mitgeführt werden (siehe Aushang Bahnstation).
Abreise:
Edingburgh – London, mit der Bahn, Fahrzeit ca. 4,5 Std. www.eastcoast.co.uk

Reiseführer & Karten (für weitere Infos Foto anklicken)(Werbung)

Zum Einstimmen…

Gefahrene Route

1.) London/Cheshunt/Loughton – Ware – Thundridge – Braughing – Newsells – Fowlmere – Haslingfield – Bourne – Fenstanton – St. Ives ca. 100 km + Abstecher nach Cambridge 48 km extra

2.) St. Ives – Houghton – Ramsey Heights – Thorney – Crowland – Spalding – Pinchbeck – Surfleet – Gosberton – Sutterton – Boston/Kirton ca. 80 km

3.) Boston/Kirton – Hubbert’s Bridge – Hedgehog Bridge – Holland Fens – Chapel Hill – Kirkstead Bridge – Woodhall Spa – Horsington – Minting – Hatton – Panton – East Barkwith – East Torrington – Market Rasen ca. 70 km

4.) Market Rasen – Walesby – Kirmington – Croxton – Burton-U-Humber – Humber Bridge – North Newbald – Market Weighton – Burnby – Pocklington ca. 85 km + Abstecher nach York ca. 50 km extra Gesamtkilometer Teil I ca. 433 Kilometer

Sehenswertes

London: Towerbridge, Big Ben und House of Parliament, Trafalgar Square, National Gallery, St. Paul’s Cathedral, Westminster Abby, Tower, Wachablösung am Buckingham Palace, Globe Theatre (Shakespeare) u.v.m. Loughton: St. John the Baptist Church, Art Center, Lopping Hall, British Postal Museum. St. Ives: Mittelalterliche Steinbrücke mit Kapelle, Stadtkirche, Oliver Cromwell Statue. Abstecher Cambridge: King’s College und Trinity College Chapel, The River Cam, Anglesey Abbey, versch. Museen u.v.m. Kirton: Church of Peter and St. Paul, Boston: The Stumpf/Kirche. Market Rasen: Racecourse (Pferderennbahn), Hall Farm Park (Tierpark), Willingham Woods, St. Thomas Church.

Streckencharakter/Beschilderung

Die Route führt hauptsächlich über asphaltierte Wirtschaftswege und Landstrassen. Das Landschaftsprofil zeigt sich hügelig bis steil. Auf der gesamten Strecke sind ca. 5.000 Höhenmeter zu bewältigen, die angesichts der Etappenlänge eine gute Kondition abverlangen. Die beiden Abstecher Cambridge und York schlagen mit jeweils ca. 250 Höhenmeter extra an. Beschilderung für die beschriebene Route gibt es keine, darum unbedingt eine Landkarte, Tourenbeschreibung und GPS Daten mitführen.

Unterkunft
Lee Valley, Youth Hostel, Cheshunt/London, www.yha.org.uk/hostel/london-lee-valley; Slepe Hall Hotel, St. Ives, www.slepehallhotel.co.uk; Boston Lodge Guest House B&B, Boston/Kirton, www.bostonlodge.co.uk; The Advocate Arms Hotel, Market Rasen,
www.advocatearms.co.uk; Yorkway Motel, Pocklington, www.yorkway-motel.co.uk;

Umrechnungskurs
1 Britisches Pfund = 1,40 Euro (Stand Juli 2015)

Wichtiger Tipp

– London Pass, www.londonpass.de – mehr sehen, weniger zahlen, keine Wartezeiten
bei den Sehenswürdigkeiten.
– Bitte nicht den Reisesteckeradapter für Großbritanien vergessen!

Bikeverleih
British Bike Hire: Ein Standardrad kostet pro Woche £100, ein carbon road bike £150. Lieferung/Abholung nach London zur Unterkunft kostet £25 pro Weg (oder selbst abholen in Woking/Südlondon), www.britishbikehire.co.uk

Weitere Infos
www.londonandpartners.com
www.visitengland.com
www.visitbritain.com
www.visitscotland.com
www.edinburgh.gov.uk

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1 Kommentar zu „Radreise von London nach Edinburgh Teil I

  1. danke für die Reisebeschreibung ich finde jedoch den
    2. Teil nicht im Internet.
    haben Sie Erfahrung, wie es mit dem Wind aussieht an der Küste?
    wir möchten von Edinburgh nach Stänsted und Berge meiden, da es sich mit 70 J schwerer strampelt

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